Die Macht der Wertschätzung - Für mehr Nettigkeit und warme Worte

01.08.3023 | Gina Schöler

Die Macht der Wertschätzung
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Alle Jahre wieder. Mai ist der Monat des Muttertages. Ich muss ehrlich gestehen, dass ich diesen Tag noch nie ganz verstanden habe. Wieso gibt es einen bestimmten Tag, um an die Mamas dieser Welt zu denken und sie wertzuschätzen? Sind nicht alle anderen Tage genauso dazu geeignet? Jeder einzelne Augenblick eine neue Chance, der Liebe eine Form und Ausdruck zu geben? Brauchen wir also einen Anlass – ein Alibi, um sie zu zeigen? Und müssen wir das mit materiellen Geschenken tun? Wohl kaum. Es geht darum, seinen Lieblingsmenschen oder wie Eckart von Hirschhausen sagen würde: den Kringelmenschen – das sind diejenigen, um die wir analog im Adressbuch oder auch in Gedanken fette rote Kringel gemacht haben, weil sie uns besonders am Herzen liegen – regelmäßig und immer wieder zu zeigen, welchen Stellenwert sie in unserem Leben haben. 

Das soziale Netzwerk als doppelter Boden
Gerade in diesen turbulenten Zeiten fallen mir spontan tausendundeine Person ein, die ein wohlwollendes Wort oder ein Zeichen der zwischenmenschlichen Wärme mehr als verdient hätten.

Wer ist das in eurem Leben? In eurem unmittelbaren Umfeld – privat wie beruflich?

Zückt ein Stück Papier und einen Stift und schreibt drauf los, ohne Punkt und Komma: Wer sind eure Heldinnen und Helden des Alltags?

Ihr werdet sehen, es wird ein großes und buntes Netzwerk werden – das euch trägt und auffängt, wenn es mal wieder drunter und drüber geht und ihr ins Wanken geratet.

Ganz egal, ob ihr diese Person kennt oder nicht: Wer bereichert, erleichtert und beglückt euer Leben aktuell? 
Ist es die geduldige Beraterin bei der Telefon-Hotline? Der nette Kunde beim Gemüsehändler? Die Nachbarsfamilie, die selbstgebackenen Kuchen verteilt? Ist es euer Geschwisterteil, der beste Kumpel oder eben die eigene Mama?

Zeigt diesen Menschen immer und immer wieder, was ihr an ihnen schätzt, was euch freut, Kraft gibt, belustigt, ermutigt – wie wichtig sie für das große Ganze sind und welchen wertvollen Beitrag sie leisten. Egal wie groß oder klein. Ob sie es merken oder nicht. Sei es selbstverständlich oder nicht.

Es darf gesagt, gezeigt und geliebt werden!

An jeder Ecke gibt es Heldinnen und Helden und alle tragen ihren Teil dazu bei, dass wir all das hier namens Leben meistern können. Uns gegenseitig zu helfen, uns zu stärken und immer wieder einen Moment Zeit zu nehmen, uns gegenseitig wahrzunehmen und wertzuschätzen sind die Grundbausteine für ein gesundes Miteinander. 

Und genau hierfür brauchen wir ganz explizit und regelmäßig die zwischenmenschliche Bestätigung, denn negatives Feedback und unfreundliche Worte wirken viel intensiver als positive. Für jedes schlechte Erlebnis brauchen wir tendenziell drei gute, um das emotional auszugleichen und in Bezug auf andere Personen ist das Verhältnis sogar 1:5, damit der Haussegen gerade hängt. Das klingt richtig nach Arbeit und ich möchte es nicht schön reden: Das ist es auch! Aber es lohnt sich und macht zudem Spaß und zwar allen Beteiligten. Und vor allem im Arbeitskontext sollten wir uns dieses Thema extra auf die Agenda schreiben, denn 40% der deutschen Arbeitnehmenden fühlen sich aufgrund mangelnder Wertschätzung gestresst und das muss meiner Meinung nach nicht sein, denn es gibt etliche Wege, diese zum Ausdruck zu bringen!

Hand auf’s Herz 
Doch wie kann man all dem Ausdruck verleihen? Wie kann man den Leuten in seinem Leben sagen oder zeigen, wie wichtig sie einem sind oder wie gut sie tun? Wie kann man Nettigkeiten und warme Worte verteilen? Wie kann man ein kleines Dankeschön verschenken oder jemandem ein aufrichtiges Kompliment machen?

Keine Angst, da müssen keine hochtrabenden Liebeserklärungen her wie selbstgeschriebene Gedichte oder brennende Teelicht-Herzen! Hier geht es um winzige Gesten und liebe Worte im ganz normalen Chaos namens Alltag.

Mal ist es eine gute Tat, ein Hilfsangebot oder vielleicht eine Umarmung. 

Probiert es aus: Wenn eine besondere Situation auftaucht, euch etwas Positives auffällt, ihr euren Gefühlen Ausdruck verleihen wollt, dann haltet kurz inne als ob ihr die Zeit anhalten wolltet, lasst den Augenblick wirken, sucht konkret den Blickkontakt, dann ganz symbolisch Hand auf’s Herz und spontan aus dem Bauch heraus sagen, was euch ein- und auffällt.

Kleines Glück mit großer Wirkung
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es oft leichter fällt, wenn man einen kleinen „Reminder“ hat, der daran erinnert, genau solche Situationen zu fördern und den Mut aufzubringen, proaktiv auf Menschen zuzugehen. Hier gibt es viele Möglichkeiten, aber eine meiner größten Leidenschaften ist  das kleine Glück zu verschenken.

Wenn etwas vorgefallen ist, das mir besonders gut getan oder geholfen hat, was mich berührt hat, wofür ich dankbar bin, wenn ich jemandem etwas Gutes tun, die Person beruhigen, belustigen oder ermutigen möchte, dann verschenke ich gerne eine Murmel.

Sie sind immer dabei, griffbereit und perfekt geeignet für einen spontanen Einsatz im Namen der Dankbarkeit.

Eine besonders nette Kassiererin? Der Schwiegerpapa springt spontan als Babysitter ein? Der Nachbar hat die Hecke selbstverständlich mitgeschnitten? Die Chefin hat sich Zeit genommen, um menschlich nachzufragen, wie es einem wirklich geht? Der Straßenbahnfahrer hat nochmal die Bremse eingelegt und die Tür geöffnet?

Dann zücke ich einen kleinen “Klicker” (so nannten wir Murmeln in meiner Kindheit), sage einen Satz dazu und gehe meines Weges. Was bleibt? Staunende Gesichter, dankbare Blicke, andächtiges Gemurmel und garantiert immer ein großes Lächeln. Das kleine Glück hat eben echte Nebenwirkungen.

In der Krise zeigt sich der Charakter
Apropos Straßenbahnfahrer. Gerne möchte ich euch noch eine kleine Anekdote teilen, die mir vor einiger Zeit selbst passiert ist:

Es war ein turbulenter Nachmittag, mein Knirps hatte nicht die beste Laune, ich war angespannt und meine Gedanken trudelten im Kreis, da ich nicht im Ansatz das geschafft hatte, was ich doch so gut geplant hinbekommen wollte. Aber die Sonne schien und so machten wir uns auf den Weg in den Wald.

Vorher wollte ich aber noch die letzten Erledigungen des Tages machen.

Die erste Station war die Post, denn ich musste noch ein Päckchen abholen.

Ich gebe zu: Ja, ich habe abenteuerlich geparkt. Nicht ganz verkehrskonform, aber durchaus vertretbar, so dass ich kurz rausspringen konnte, um das Paket einzuladen. Gerade als ich meinen Abholschein zückte, hörte ich es draußen bimmeln und hupen.

Nicht der Ernst?! Das kann nur die Straßenbahn sein, die nicht weiterkommt. Wegen wem wohl? Ich gab meinen Platz in der Warteschlange auf und sprang raus. Tatsächlich: Eine klingelnde Straßenbahn voller langer Gesichter, die gierig darauf warteten, den Grund zu erkennen, warum die Fahrt nicht weiterging. Dahinter ungeduldige Autofahrer.

Tja, der Grund war dann wohl ich.

Der Straßenbahnfahrer erwartete mich auch schon, in dem er weit aus dem Fenster lehnte und sich umsah. Ich sprintete schnellen Schrittes Richtung Auto, machte entschuldigende Gesten, war vor lauter schlechtem Gewissen ganz angespannt und erwartete eine ordentliche Standpauke.

Ich machte mich also darauf gefasst, gleich erklärt zu bekommen, was mir denn einfällt, mich so daneben zu verhalten.

Aber was geschah dann?

Der gute Mann strahlte mich an, während er aus dem Fenster runter zu meinem Auto sah und sagte in aller Seelenruhe:
„Komm, ich helfe Ihnen, zurück zu fahren, dass ich vorbei komme. Ich delegiere Sie.“

Ich stand da und konnte es nicht glauben. Kurz hielt ich inne, nur um im selben Moment zu merken, dass ich nun wahrlich schnell einsteigen sollte, um endlich Platz zu machen. 

Aber ich ließ es mir nicht nehmen, ihm dankbare Gesten und das wohl breiteste Grinsen zu schenken und mich tausendmal von Herzen für seine Freundlichkeit zu bedanken.

Er konterte ganz gelassen mit einem Lächeln:
„Ach wissen Sie, wir sollten uns viel öfter gegenseitig helfen.“

Das Fenster schloss sich, er winkte mich raus, ich setzte zurück, die Bahn rollte an und dann brauchte ich noch einen Moment, um das, was da geschah, sacken zu lassen und vor allem zu genießen.

Es machte mich auch nachdenklich: Wie gehen wir miteinander in Stress- und Krisenzeiten um? Ganz nach dem Zitat von Helmut Schmidt: „In der Krise zeigt sich der Charakter.“

Wäre es nicht wunderbar, wenn wir viel öfter genau so wie dieser Straßenbahnfahrer reagierten? Was hätte das für einen starken Effekt? Ich hatte plötzlich die Gesichter aus der Bahn vor Augen: Aufgrund seiner Reaktion und meiner Dankbarkeit waren diese nämlich bei Abfahrt nicht mehr genervt, sondern gelöst – der ein oder andere Gast musste sogar mitschmunzeln. Weil das vielen hätte passieren können. Wir sind alle Menschen, wir haben Fehler und parken auch mal schief und das manchmal auch im metaphorischen Sinne. Die Gelassenheit des Straßenbahnfahrers wirkte nach und inspirierte an diesem Nachmittag mit Sicherheit nicht nur mich. Lasst uns freundlicher miteinander umgehen und uns gegenseitig öfter helfen – und vor allem Danke sagen und Wertschätzung zeigen. 

Für meinen nächsten „Straßenbahn-Moment“ bin ich auf jeden Fall mit einer Hand voll Murmeln gewappnet!

Glück ist leicht
Ihr seht, es braucht nicht immer ein offizielles Datum, um anderen Menschen liebe Gesten und Worte zu schenken. Die Möglichkeiten warten an jeder Ecke und sind so vielseitig wie das Leben selbst. Glück ist leicht. Und wenn man es genau nimmt, dann 6 Gramm.

Ich liebe es einfach, ganz bewusst und dankbar ein kleines Glück in Kugelform zu überreichen, angereichert mit einer Hand voll netten Worten und schon ist der perfekte Moment geschaffen, der bleibt. Dann wird es Zeit, wieder Glück zu verbreiten, um den Kreislauf der Nettigkeiten in Schwung zu halten.

Ich freue mich, wenn ihr mitmacht!
Und teilt doch innerhalb eures Kollegiums doch auch mal solche “Straßenbahn-Momente”: In welchen Situationen wart ihr gerührt oder erstaunt über die nette Reaktion anderer Menschen? Was hat das mit euch gemacht?
Gina

 

Über die Autorin

Foto von Gina Schöler

Gina Schöler, Glücksministerin
Gina leitet die bundesweite Initiative „Ministerium für Glück und Wohlbefinden“ und ruft mit bunten Aktionen und Angeboten dazu auf, das Bruttonationalglück zu steigern. Mit bunten Aktionen und Angeboten wie Workshops und Vorträgen regt sie alltagsnah, auf Augenhöhe und mit viel Spaß zum Umdenken an: Wie wollen wir leben und arbeiten? Was macht uns dabei glücklich?

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